Wie treffen wir bessere Entscheidungen, Prof. Robert Böhm?

Wer entscheidet sich schon gerne falsch? Und woher sollte ein Professor aus Wien wissen, was richtig für mich ist? Robert Böhm arbeitet daran, genau das herauszufinden. Er ist Professor für Sozialpsychologie und erforscht die Hintergründe, wie Menschen bessere Entscheidungen treffen – für sich selbst und die Gesellschaft. Ein spannendes Gespräch über soziale Dilemmas, ein Blick hinter die Kulissen der Corona-Politik und die Beantwortung der Frage, warum die Wissenschaft so schlecht mit sich selbst umgeht.

Die Sonne leuchtet über der Stadt. Ungefähr so intensiv wie seine Augen kurz vorher. Wir hatten über die Fähigkeit des Menschen gesprochen, sich selbst zu betrügen. Dafür brennt er. 

Wir stehen auf einer Terrasse im siebten Stock des neuen Wiener Universitätsgebäudes und blicken auf eine der unzähligen Kirchendächer um uns herum. „Das hier ist der Stephansdom … oder die Augustinerkirche. Oder was ganz anderes … Naja, auf jeden Fall ist das hier nebenan die Votivkirche. Ist nicht so einfach, sind alle gotisch und haben ne Spitze, wird schon stimmen. Sorry, ich bin nicht wegen der Kirchen hier.“

Und damit trifft Prof. Robert Böhm den Nagel auf den Kopf. Böhm ist zum Arbeiten hier – so wie immer. Er ist ein Arbeitstier, das seinesgleichen sucht. Seine Freunde nennen ihn „Psycho“ und zwar schon länger, als er Psychologe ist.

Böhm ist eine dieser Ausnahmeerscheinungen, für die selbst die komplizierteste Versuchsanordnung keine Arbeit, sondern pures Vergnügen ist. Und doch ist er kein verkopfter Fachnerd. Seine Forschung sieht er ganz nah am Menschen. Sie befasst sich mit der Frage, wie wir Entscheidungen treffen. Sein Ziel ist es, herauszufinden, wie wir unseren eigenen Ansprüchen gerecht werden können. Denn das, berichtet er, würden wir sehr häufig nicht schaffen. 

Nimmt selbst auch gerne den Fahrstuhl hoch – runter zum Ausgleich dann aber schon die Treppe

Zwischen Anspruch und Lebenswirklichkeit

„Wir wollen gesünder leben und uns besser ernähren, entscheiden uns aber dennoch jeden Morgen für den Fahrstuhl, anstatt die Treppe zu nehmen. Wir möchten das Klima retten, fahren aber doch lieber mit dem SUV zum Biomarkt. Mir geht es nicht darum, Menschen zu überzeugen oder Marketing für die gute Sache zu machen“, sagt er mir, während wir langsam den Aufzug im Obergeschoss der Universität betreten. 

Eine Sekunde später springen wir Richtung Tür und schaffen es gerade noch, den automatischen Schließmechanismus des Fahrstuhls zu stoppen und diesen ohne Quetschungen zu verlassen. Als ob nichts gewesen wäre, gehen wir schweigend die sieben Stockwerke hinunter. 

„Ich möchte, dass Menschen sich so verhalten wie ihre eigenen Präferenzen sind. Würden wir das alle machen, wäre schon viel erreicht. Wer möchte schon das Klima zerstören, die Weltmeere verdrecken oder den eigenen Kindern eine kaputte Welt hinterlassen?“, stellt er rhetorisch in den Raum, als die Entfernung zum Fahrstuhl dies erlaubte.

Auch in der Wissenschaft ist nicht alles gold was glänzt

In 15 Jahren Forschung hat er zwölf Stationen absolviert. Davon eine renommierter als die andere: Kent, Utrecht, Arizona, Stanford, Kopenhagen und jetzt Wien. Seine erste Professur an der RWTH Aachen erhielt er mit 30 Jahren. Damit war er seinerzeit einer der jüngsten Professoren Deutschlands. 

Sein Lebenslauf liest sich wie eine Erfolgsgeschichte, die für Hollywood allein deswegen nicht interessant wäre, weil sie ohne Mühe, Konflikte oder Liebesgeschichte auskommt. Doch ganz so einfach sei es nicht, erklärt er. Er sei nicht in Wien, weil das sein Traumjob sei, sondern weil es ein Job ist – ein unbefristeter. Das sei in der Wissenschaft eine Ausnahme. 

Er ist getrieben, aber nicht von der Arbeit. Sondern von der Tatsache, dass er seine Arbeit nur dann machen kann, wenn er ständig seinen Wohnort ändert. 

Solange man im deutschen Wissenschaftsapparat festhänge, erklärt er, lebe man prekär. Alle zwei bis drei Jahre bekäme man einen neuen, befristeten Arbeitsvertrag. Stets mit der Aussicht, irgendwann entfristet zu werden. Bis man dann mit Anfang vierzig ausgespült werde und nach zwanzig Arbeitsjahren an der Universität erklärt bekommt, dass man nicht gut genug sei. Das müsse sich ändern. Das ist ihm wichtig, das spürt man. 

Er selbst war fleißig und habe früh Glück gehabt. Weil er sich stets für die Arbeit entschieden hat, konnte er mehr Veröffentlichungen sammeln und härter arbeiten als Kolleginnen und Kollegen mit Familie. So einfach und so erbarmungslos sei die Logik. Und das, sagt er, wolle er gerne ändern. 

„Aus rein wissenschaftlicher Perspektive waren die letzten zwei Jahre ein Paradies“

Natürlich kommen wir nicht an seinen Paradethemen vorbei: Corona-Krise und Ukrainekrieg. Denn genau das sind Kernthemen seiner Forschung. Bereits 2014 hat er die Europäische Kommission dabei beraten, wie man mehr Menschen dazu motivieren kann, sich impfen zu lassen. Seinerzeit ging es um Masern. 

2020 dann sein wissenschaftlicher Glücksmoment. „Dinge, die wir vorher in artifiziellen oder hypothetischen Situationen getestet haben, waren plötzlich live. Die Daten sind uns ja quasi um die Ohren geflogen“, erzählt er fasziniert im Interview. Mehr als 1000 Menschen habe er mit seiner Forschungsgruppe wöchentlich befragen können – und wieder glühen seine Augen. 

Ich schätze diesen Mann für das, was er macht. Er gibt mir eine andere Perspektive auf Dinge – eine vielschichtigere. Meine Befürchtung, dass wir mit besserer Krisenkommunikation in den vergangenen Jahren viel mehr hätten erreichen können, bestätigt er und entkräftet sie sogleich. Wir leben in einem zusammenhängenden System, in dem wir Hunderte Entscheidungen täglich treffen müssen. Es gibt keine einzelne Stellschraube, an der wir drehen müssen und alles ist wieder gut. Anders als die Politik versucht er die Welt nicht einfacher zu machen, als sie ist. Er versucht sie mit seiner Komplexität zu erfassen und zu entschlüsseln. 

Eine Analogie ist für mich als Fotograf ganz eindeutig: Es gibt mehr als eine Perspektive auf die Dinge. Meistens führt ein kleiner Dreh zu völlig anderen Ergebnissen, genau wie hier. 

Doch so spannend seine Forschung auch ist, so gefährlich ist sie, wenn sie in die falschen Hände gerät. Im Großen wie im Kleinen. Denn Nudges können auch schlechte Dinge verstärken. Nudges – so nennen sich die kleinen Hinweise, die er nutzt, um uns auf unsere eigenen Überzeugungen hinzuweisen. 

Auch wenn ich mir bei ihm sicher bin, dass die Forschung in guten Händen liegt. Es macht einen Unterschied, was auf dem Schild steht, das im Flur der Universität hängt. Ob „Diese Woche ist Treppen-Geh-Woche“ oder „Nimm den Fahrstuhl, denn du hast es dir verdient“.

Viel Spaß beim Zuhören.

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